Mit der Laterne im Rollstuhl
Integration: Martinsumzug der Bewohner des Behindertenzentrums Roßdorf mit Kinder aus Groß-Zimmern
ROSSDORF. „Meine Schwiegermutter arbeitet hier im Behindertenzentrum, dadurch haben wir Kontakt bekommen“, erklärt Anne-Kathrin Mittendorf. Die Erzieherin im Kindergarten Hörnertweg in Groß-Zimmern hat maßgeblich an einer außergewöhnlichen Aktion am Donnerstagabend mitgewirkt. Gemeinsam mit dem Kindergarten aus der Nachbargemeinde veranstaltete das Behindertenzentrum Roßdorf (BHZ) einen Martinsumzug. Viele Kinder hatten ihre Eltern, manche sogar die Großeltern mitgebracht. Zusammen mit etwa 20 Bewohnern des BHZ und deren Betreuern war die abendliche Wandergruppe über 200 Menschen stark.
„Leben heißt Begegnung“ lautet das Motto des BHZ. Es sollte keine Worthülse sein. Ute Zimmer, die Pädagogische Leiterin, erhofft sich von solchen Aktionen, dass für die Kinder der Umgang mit Behinderten zur Normalität wird. Und umgekehrt, denn auch für die im BHZ lebenden Menschen ist der Kontakt zu Kindern oft eine neue Erfahrung.
„Es gehört zu unserem Konzept rauszugehen“, sagt BHZ-Mitarbeiter Christian Klasterer. Er hat seine beiden Kinder mitgebracht, hält in einer Hand eine Laterne, mit der anderen den auf seinen Schultern sitzenden Sohn fest. Man wolle die Einrichtung noch stärker in den Ort integrieren. Und erste Erfolge zeigten sich bereits. „Nebenan im Einkaufsmarkt weiß die Frau an der Wursttheke schon, was sie einpacken muss, wenn ein bestimmter Bewohner von uns kommt. So was finde ich toll“, sagt Klasterer.
Die meisten der Bewohner des BHZ, die am Zug teilnehmen, sitzen im Rollstuhl. Die Roßdörfer Einrichtung wird überwiegend von Körperbehinderten und so genannten schwerst mehrfach Behinderten genutzt. Zwar werden die meisten Rollstühle elektrisch angetrieben, doch begleiten Angehörige, Bekannte oder Mitarbeiter des BHZ die „Rollis“. Sie achten darauf, dass es zu keinen Zusammenstößen mit den fünf Dutzend Drei- bis Sechsjährigen kommt, die zwischen den Rollstühlen herumwuseln.
„Die Kinder haben meistens die wenigsten Probleme damit. Berührungsängste gibt es eher bei den Eltern“, hat Ute Zimmer beobachtet. In ihrer Begeisterung für den Umzug im Dunkeln, die bunten Laternen und die zugehörigen Lieder haben die Kinder die Rollstuhlfahrer bald überholt. Manche betrachten die Behinderten skeptisch, auch etwas ängstlich und löchern ihre Eltern mit Fragen. „Papa, was hat denn der Mann?“ oder mit Blick auf das Gefährt: „Was ist denn das?“ Väter, die ihrem Nachwuchs die vierrädrigen Transportmittel als „Auto“ verkaufen wollen, erfahren von Ute Zimmer wohlwollende Unterstützung. „Nein, das ist kein Auto, das ist ein elektrischer Rollstuhl.“ Eine Antwort, die weitere Fragen nach sich zieht. Aber notwendig im Sinne des im BHZ verfolgten pädagogischen Konzeptes.
Am Wendepunkt, dem Alten Bahnhof, legt der Zug eine Pause ein. Es dauert einige Minuten, bis die Rollstuhlfahrer-Fahrer wieder aufgeschlossen haben. Dann werden gemeinsam die eingeübten Lieder gesungen. „Ich gehe mit meiner Laterne“ ist für die Kinder an diesem Tag der absolute Hit. Stimmlich unterstützt werden die Knirpse von ihren Eltern. Und natürlich den Bewohnern des BHZ. „Auf Holger, sing mit!“, fordert eine Betreuerin den vor ihr im Rollstuhl sitzenden Mann auf. Das lässt der sich nicht zweimal sagen. „Rabimmel, rabammel, rabumm“, brummt er.
Nach etwa einer Stunde kehrt der Laternenzug zurück. Vor dem BHZ lodert inzwischen ein großes Martinsfeuer. Bald haben sich alle darum versammelt, trinken Kinderpunsch oder Glühwein und essen Brezeln und Weckmännchen.
Die kleine Emma hat ihren Laternenschirm inzwischen ihrer Mama in die Hand gedrückt. Während sie mit der am Haltestöckchen verbliebenen Glühbirne Formen und Buchstaben in den Abendhimmel malt, wollen wir wissen, ob es ihr gefallen hat. „Ja, hat mir Spaß gemacht“, lautet die Antwort. „Im Kindergarten gefällt’s mir besser, da gibt’s mehr zum Spielen.“ Aber eins, verrät sie nach kurzem Nachdenken mit leuchtenden Augen, sei hier doch besser: „Hier gibt’s Brezeln.“