Echo Online, 27.08.2005

„Beasy liest die Körpersprache“

Behindertenzentrum: Seit einem Jahr fördert eine tiergestützte Therapie in Roßdorf die Entwicklung geistig behinderter Menschen – Hündin gibt Bewohnern Selbstvertrauen

Beasy bei der TherapieROSSDORF. Der rote Vorhang aus Organza dämpft das grelle Sonnenlicht von außen. In sich gekehrt liegt Thomas Klein auf roten und gelben Kissen. Der dunkelhaarige Mann starrt vor sich hin. Von Geburt an ist Thomas Klein geistig und körperlich behindert, hat autistische Züge. Kommunizieren kann er nur durch Blicke und Mimik, laufen nicht ohne Unterstützung, wohnen nur betreut.

Seit 1994 lebt Thomas Klein im Behindertenzentrum in Roßdorf. Er ist einer von 37 Heimbewohnern. Den Tag verbringt er außerhalb seiner Wohneinheit, in der Gruppe von Sozialpädagogin Jennifer Haus, wo er behutsam dazulernen soll. Körperlich, psychisch und seelisch.

Dafür braucht er Hilfe. Unter anderem kommt die auf vier Pfoten,jeden zweiten Freitag. Wie eines der roten Kissen liegt Hündin Beasy heute neben Thomas Klein. Schnauze und Oberkörper hat die Hündin auf seinen Schoß gelegt. Thomas Klein wirkt verkrampft. „Noch“, sagt Gruppenleiterin Jennifer Haus: „Er braucht immer etwas Zeit. Aber dann strahlt er für den Rest des Tages.“
Die Hündin mit dem grauen Bart ist ein Teil der Therapie. „Versunken scheinen, das ist oft ein Schutzmechanismus. Wir versuchen, die Menschen mit psychischer Behinderung rauszulösen“, erklärt die Pädagogische Leiterin Ute Zimmer den Einsatz der „tiergestützten Therapie“.

Beasy mit Herrchen Helmut HeimbergerHunde-Herrchen Helmut Heimberger vom Verein „Aktive Lebenshilfe mit Hunden“ hat die Schäfer-Collie-Dame Beasy für Einsätze wie diesen ausgebildet. „Der Hund fördert das Selbstwertgefühl, vermittelt Vertrauen“, sagt Heimberger. Das kann Gruppenleiterin Haus bestätigen: „Thomas ist ein eher ängstlicher Mensch. Aber jetzt ‚bezwingt‘ er den großen Hund. Inzwischen ist er selbstbewusster.“ Helmut Heimberger glaubt an ein besonderes Band zwischen Hund und Mensch: „Beasy liest und erkennt die Körpersprache.“

Sachte führt Jennifer Haus Thomas Kleins Hand an Beasys Hals
entlang. Das kuschelige Fell, die Körperwärme: Mit jeder Minute weicht die Anspannung aus seinen Gliedern. Als er energisch nach Beasys Schnauze greift, lässt ihn der Hund gewähren. „Ich glaube, dass Beasy weiß, was für einen besonderen Job sie macht“, erklärt Heimberger. Immer wieder sucht der Vierbeiner den Augenkontakt zum Herrchen. „Ich bin der Mittler zwischen Tier und Behindertem“, sagt Heimberger.

Ab und zu stellt Beasy die Ohren auf, wartet auf ein Kommando. Das kommt dann auch, flüsternd nur. Beasy erhebt sich zaghaft. Aus seiner Hosentasche zieht Heimberger ein Leckerli. Und dann zeigt Thomas Klein einen seiner „größten Entwicklungsschritte“, wie Pädagogische Leiterin Ute Zimmer es nennt. Er greift nach dem Leckerli, um es Beasy selbst zu geben. Der Hund schleckt es vorsichtig aus der Klammerung von Zeigefinger und Daumen. „Wir nennen das Pinzettengriff“, beschreibt Jennifer Haus: „Das ist für andere selbstverständlich, aber Thomas konnte das nicht und musste es erst lernen.“ Seit einem Jahr kommt Helmut Heimberger mit seiner Therapiehündin zu Besuch. „Wir erzählen ihm schon am Montag, dass die Beasy kommt. Thomas zwinkert dann und lacht, zeigt uns so seine Freude“, erzählt Haus.

Nach etwa einer Stunde gibt Herrchen Helmut Heimberger dem Hund das Zeichen zum Aufbruch. Zum Abschied bekommt Beasy von Thomas Klein noch ein Leckerli und Helmut Heimberger sogar einen Handschlag. Diesmal sehen sich der Heimbewohner und der Vierbeiner schneller wieder. Zum morgigen Sommerfest bringt Helmut Heimberger seine Hundedame mit dem roten Halsband natürlich mit. Als Thomas Klein das hört, zwinkert er wieder, freut sich sichtlich.

Für die Sozialpädagogin Jennifer Haus sind das die besten Momente: „Über so einen Blickkontakt freue ich mich auch noch nach der Arbeit. Unsere Leute wie Thomas bringen einem nahe, glücklich zu sein.