Ich höre was, was du nicht siehst...

Aktuelles

Ich höre was, was du nicht siehst...

Am Freitag, den 23. Oktober 2015 fand für unsere FSJ-Kräfte aus der Tagesstätte und für unsere Ehrenamtlichen, die sich bei uns im BHZ engagieren, ein Selbsterfahrungsseminar zum Thema Blindheit statt.

 

Ausgestattet mit Augenbinden und Blindenstöcken erkundeten die Seminarteilnehmer/innen die Darmstädter Fußgängerzone. Die Seminarleiterin, Linda Jobski, die selbst seit ihrem 16. Lebensjahr blind ist, hatte sich für die Gruppe einige knifflige Aufgaben überlegt. Zum Aufwärmen ging es ersteinmal um die verschiedenen Führtechniken: Frau Jobski erklärte der Gruppe, dass es für nicht sehende Menschen am besten ist, wenn sie von ihrer Begleitperson den Ellebogen angeboten bekommen und dass es für blinde Menschen eher verunsichernd ist, wenn die sehende Person sich bei ihnen unterhakt, sie an die Hand nimmt oder sie an der Schulter vor sich her schiebt. Die Seminarteilnehmer/innen taten sich nun in Zweier-Teams zusammen (jeweils eine Person unter der Augenbinde und eine sehende Begleitperson) und starteten erste Testläufe, wobei sie die verschiedenen Führmethoden ausprobierten. Anschließend wurden die nicht sehenden Personen an einen ihnen unbekannten Ort geführt und sollten durch den Einsatz ihrer noch übrigen Sinne (hören, riechen, tasten) erraten, wo sie sich befanden. Hier hatte Frau Jobski die Gruppe aber maßlos unterschätzt, denn die erste Seminarteilnehmerin rief bereits „Hier riecht es nach DM!“, bevor sie überhaupt richtig in der Drogerie drinnen war.

 

Auch die zweite Station, ein Spielwarengeschäft in der Fußgängerzone, wurde anhand der davor stehenden Spielgeräte in wenigen Sekunden von der Gruppe erraten. Die Herausforderung für die nicht sehenden Teilnehmer/innen war dann wohl eher der Laufweg zu den verschiedenen Stationen, denn die einem entgegenkommenden, nicht immer besonders rücksichtsvollen Passanten, die ständig wechselnden Bodenbeläge, in denen man auch schnell mal mit dem Blindenstock hängen bleibt, die sich immer wieder verändernde Raumakustik und die Schwingtüren und Treppen, die es zu überwinden gab, kosteten den nicht sehenden Teilnehmer/innen doch schon eine ganze Menge Konzentration. Aber auch für die sehenden Begleitpersonen war die Tour durch die City eine interessante Erfahrung, denn sie sahen sich mit den komischen Blicken der anderen Leute konfrontiert. Sie bekamen mit, wie die Passanten ihnen hinterher geguckt haben, wie sie offensichtlich über sie redeten und sie dennoch in den allerwenigsten Fällen direkt ansprachen, was denn da mit ihnen los sei. Eine für blinde bzw. für Menschen mit Behinderung im Allgemeinen ganz typische und unangenehme Erfahrung.

 

Zum Schluss hat Frau Jobski die Seminarteilnehmer/innen noch mit ein bisschen Kleingeld in eine Bäckerei geschickt, mit der Aufgabe, ohne die Hilfe ihrer sehenden Begleitperson ein Brötchen zu kaufen. Für blinde Menschen ist das Einkaufen grundsätzlich eine ziemliche Herausforderung, da sie in großen Supermärkten kaum eine Chance haben, ohne Hilfe all die Lebensmittel zu finden, die sie gerne einkaufen möchten. In Bäcker- oder Metzgerläden ist das zwar weniger schwierig, da man dort ja am Tresen seine Wünsche äußern kann - aber das Stehen in einer Personenschlange, deren Anfang und Ende man erst einmal durch bloßes Hören herausfinden muss, das „richtige“ Aufrücken in einer solchen Kundenschlange, ohne seinen Vordermann zu sehen, mitzubekommen, wann man selbst an der Reihe ist, ohne dass man die Verkäuferinnen sehen geschweige denn Blickkontakt mit ihnen aufnehmen kann, die Bezahlung abzuwickeln und dann auch noch die Tüte mit Wurst oder Brötchen zu finden, wenn die Verkäuferin das Handicap nicht mitbekommen und die Einkäufe deshalb „einfach“ irgendwo auf den Tresen gelegt hat, das alles macht einen solchen Einkauf zu einer sehr anstrengenden und aufregenden Angelegenheit für jemanden, der nicht sehen kann. Frau Jobski wollte nun diese Erfahrung an die Seminarteilnehmer/innen weitergeben, welche das Prozedere in der Bäckerei aber wiedererwartend überhaupt nicht als anstrengend oder unangenehm empfunden haben.

 

Es scheint doch ein Unterschied zu sein, ob man sich einmal für ein paar Stunden eine Augenbinde aufzieht und weiß, dass es sich bei all dem nur um ein Experiment handelt oder ob man weiß, dass man diesen Zustand des „Behindert-seins“ und der Abhängigkeit von Anderen nicht einfach wieder von sich abziehen kann…

 

Es war für alle Beteiligten ein sehr spannender und witziger Nachmittag, der bestimmt noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Zurück

Feedback Facebook